Unseren Transfer übernimmt eine örtliche Agentur mit Namen Vigor Travel. Das klingt ein bißchen so, als begäbe man sich nun in die Hände eines Joint-Ventures aus Russenmafia und Triaden, aber handelt sich um ein paar ganz reizende Chinesen, die uns und unsere Koffer mit lustigen Aufklebern vollpflastern, an denen der Fahrer unsere Route erkennen soll. Wir und alle anderen Ankömmlinge mit Ziel Kowloon werden auf verschiedene Kleinbusse aufgeteilt. Draußen herrscht schon frühmorgens drückende Schwüle, in der Ferne liegen die Hong Kong umgebenden bewaldeten Hügel im Dunst. Im Gegensatz zum alten Kai Tak-Flughafen, der mitten im Stadtgebiet liegt und dessen Einflugschneise so dicht an den Wohnhäusern der Hong Kong-Chinesen vorbeiführte, daß man glaubte, ihnen im Vorbeifliegen die Wäsche von der Leine nehmen zu können, liegt der große, neue internationale Flughafen sehr weit außerhalb. Die Busfahrt dauert gut eine halbe Stunde und führt uns über verschiedene Schnellstraßen durch den grünen Gürtel der Stadt.
Ich kann verstehen, wenn viele Reisende der Stadt als Zwischenstop auf dem Weg zu noch weiter östlich gelegenen Zielen nur einen knappen Seitenblick widmen. Auch für uns fiel die Wahl aufgrund der günstigsten Flugpreise auf Hong Kong. Jedoch ist es auch ein willkommenes Wiedersehen mit meinem ersten Fernreiseziel. Hong Kong war schon früh ein Sehnsuchtsort, entstanden aus dem exotischen Klang des Namens und „A Many Splendored Thing“. Die Räucherspiralen im Man Mo Tempel, der Blick vom Victoria Peak bei Nacht auf den erleuchteten Hafen, ein Ausritt durch die Teeplantagen auf einem der ausrangierten Rennpferde auf Lantau zu Füßen des gerade noch nicht ganz fertiggestellten, noch kopflosen weltgrößten freistehenden Buddhas, die Fahrt mit der Fähre nach Macao und mein erster Besuch eines Jai Alai Spiels im historischen Casino. Die Stadt der Gegensätze zwischen aggressivem Wirtschaftswachstum und orientalischer Mystik, in die uns die Durchmischung mit alter europäischer Kolonialkultur einen Blick durchs Schlüsselloch gewährt - Hong Kong hat mich nachhaltig beeindruckt und ich war versucht, den jetzigen Aufenthalt mit Aktivitäten vollzustopfen, um meinem Mann die Stadt, in der die Wolkenkratzer Löcher haben, damit die Drachen zum Meer fliegen können, nahezubringen.
Aber selbst hier bleibt die Entwicklung des Tourismus nicht stehen. Aktivitäten, wie eine Fahrt mit der Zahnradbahn auf den Peak, die man früher spontan unternehmen konnte, bedürfen heute einer langfristigen Planung. Ohne vorgebuchtes Online-Ticket geht hier gar nichts mehr. So verwerfe ich am Schluß auch den Besuch im Sky100, dem derzeit höchsten Gebäudes Hong Kongs, das eine Aussichtsplattform auf die allabendlich um 20 Uhr stattfindende Lasershow bietet.
Ich denke, daß es sowieso viel schöner ist, die Lasershow gratis und unter freiem Himmel direkt an der Hafenpromenade anzuschauen. Aber wie meistens kommt ja dann sowieso alles ganz anders.
Im Hotel angekommen, werde ich unsanft aus meiner Wiedersehensfreude gerissen. Panorama by Rhombus heißt es und ist relativ neu. So wirklich damit beschäftigt haben wir uns nicht, es ist ja nur eine Zwischenübernachtung. Wir geben die Koffer an der Rezeption ab, wo sie von einem dienstbaren Geist einer Legion anderer Gepäckstücke hinzugefügt und in Ketten gelegt werden, ein Schicksal, das uns bei der Einreise ja erspart geblieben ist.
Das hätte uns schon zu denken geben sollen, aber verschlafen, wie wir so früh am Morgen noch sind, trifft uns die Information der Rezeptionistin, hier sei Check in erst um 15 Uhr, das Hotel sei ausgebucht, keine Chance auf einen früheren Einzug, doch ziemlich hart. Wir schauen anscheinend so mitleiderregend aus der zerknitterten Wäsche, daß sie sich schließlich erbarmt und mir leise zuraunt, eventuell, nur ganz eventuell, aber das sei kein Versprechen, könnten wir es schon mal um 13 Uhr versuchen.
So finden wir uns um halb neun an diesem Morgen nach einem 11 Stunden-Flug mehr oder weniger übernächtigt im Trubel von Tsim Sha Tsui wieder. In den schmalen Straßen um unser Hotel haben wir zunächst kaum Orientierung, aber an den Verläufen der großen Straßenzüge, mit denen die Engländer der Stadt ihren Stempel aufgedrückt haben, haben die Chinesen seit 1997 nicht viel verändert. Fünf Stunden haben wir nun Zeit. In einem der zahlreichen Seven Elevens versorgen wir uns mit Getränken und Sandwiches und schlagen den Weg zum Hafen ein.
Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten gerade erst wieder eröffnet wurde die Hafenpromenade mit dem Namen Avenue of Stars. Chinesische Stars und Sternchen verschiedener Genres sind hier verewigt worden, die meisten in Form von Handabdrücken im breiten Handlauf des Geländers, die die Besucher dazu animieren sollen, ihre eigenen Hände hineinzulegen. Chinesische Filmstars haben erstaunlich große Hände, meine passen jedenfalls locker hinein.
Wir suchen uns einen Platz auf einer der zahlreichen von großen Sonnenschirmen überdachten Sitzbänke und richten uns häuslich ein. Wir gehen davon aus, hier ein paar Stündchen zu verbringen, Leute und Skyline gucken, und dann vielleicht in ein Restaurant zum Mittagessen, so der Plan. Was sich auf der anderen Seite des Hafenbeckens über den Höhenzügen von Hong Kong Island gerade zusammenbraut, sieht allerdings aus, als würde es uns bald einen Strich durch die Rechnung machen. Zunächst ist es ganz lustig, es sind erstaunlich wenige nicht asiatisch aussehende Menschen hier unterwegs. Die Besuchergruppen amüsieren sich prächtig vor der Hafenkulisse. Oft haben die Gruppen eine ähnliche Zusammensetzung, häufig mehrere junge, in dieser typischen Mischung aus Sexiness und Schulmädchen aufgebrezelte junge Frauen in Begleitung eines einzelnen Mannes, vielleicht ein älterer Verwandter als Anstandswauwau, vielleicht auch der im Ausflugspaket enthaltene Fotograf, der sie nun geduldig ablichten muß. Wo sie gewesen sind, werden die meisten vermutlich erst später zuhause auf den Fotos genau sehen, denn der imposanten Skyline des Finanzdistrikts von Hong Kong Island drehen sie meist den Rücken zu, wenn sie kokett am Handabdruckgeländer posieren.
Als die ersten Tropfen fallen, rasen die Massen aus allen Himmelsrichtungen kreischend auf uns zu, als sei die Zombie-Apokalypse ausgebrochen. Nach Sekundenbruchteilen stehen wir eingepfercht zwischen aufgeregten Festlandchinesen unter unserem Schirm, der eigentlich nur Schatten spenden soll. Wirklich trocken bleibt man hier auf Dauer nicht, so daß wir uns bald unter das Vordach eines benachbarten Gebäudes flüchten müssen. Aber immerhin – Kontaktaufnahme mit der einheimischen Bevölkerung, eigentlich mögen wir ja so etwas.
Als die Sonne wieder herauskommt, nutze ich die Zeit, die Avenue of Stars einmal ganz abzulaufen, während der Mann im Schatten ein Nickerchen hält. Ich will dem Superstar meine Aufwartung machen, dem als einem der wenigen die Ehre zuteil wurde, nicht nur als Handabdruck, sondern in einer für ihn typischen Pose als die die Avenue eröffnende Skulptur verewigt zu werden. Es ist mir kein bißchen peinlich zuzugeben, daß ich ihn nicht bloß als Touristenattraktion anschauen will, sondern tatsächlich ein kleiner Fan bin vom König des Martial Arts Films, der ja eigentlich gar kein richtiger Chinese war – Bruce Lee. Mögen seine Filme auch an Inhaltsleere kaum zu überbieten sein – die Szene, in der er in dem grandiosen Showdown im römischen Kolosseum Chuck Norris von seiner Brustbehaarung befreit, also allein dafür muß ich jetzt hier mal Danke sagen gehen.
Ich schaffe es gerade wieder so zurück zum wartenden Ehemann, als Petrus‘ ihm seine immer dunkler werdenden Terrorgebilde wieder loslegen, diesmal noch schlimmer als zuvor. Wir schließen uns der flüchtenden Horde der aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen bei Regen scheinbar immer um ihr Leben schreienden Chinesen an und rennen mit zum Vordach des benachbarten Hauses. Danach machen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Restaurant oder Café. Es war nett hier, aber bei diesem Wetter leider keine Option mehr, die Betreiberin der hiesigen Snackbar schließt auch schon die Fensterläden, heute gehen die Geschäfte nicht.
Tsim Sha Tsui ist vordergründig ein auf Hochglanz getrimmtes Shoppingviertel, durchsetzt mit altehrwürdigen Gebäuden, darunter ein direkt an der Hafenpromenade gelegenes Hostel des YMCA mit einem Hallenbad im dritten Stock mit grandiosem Ausblick auf den duftenden Hafen, an dem wir, zwei junge rucksackreisende Frauen, vor 35 Jahren neidisch hochschauten, wie die jungen christlichen Männer in den Pool sprangen. Inzwischen dürften wir wohl auch hinein.
Wenn man genau hinschaut, entdeckt man das ungeschönte Hong Kong in den kleinen Seitengassen mit Garküchen und Ramschläden voller Plastikkrempel. Wir stöbern ein bißchen herum, entdecken unweit unseres Hotels einige nette Restaurants, sogar einen deutschen Biergarten, nur können wir nirgends bleiben. Wie hier üblich laufen die Klimaanlagen auf Hochtouren, es bläst eiskalt, wir würden uns mit Sicherheit den Rest des Urlaubs versauen, wenn wir uns in unseren regennassen Sachen in diese Zugluft setzen. Wir beschließen, den 13 Uhr-Eincheck-Joker zu ziehen, vielleicht haben wir ja wenigstens in dieser Hinsicht Glück, wo uns das Wetter vermutlich die Teilnahme an der Freiluft-Lasershow am Hafen verderben wird. In einem Wolkenbruch möchte ich dort jedenfalls nicht stehen, egal, wie sehr ich mich darauf gefreut hatte. Ich stelle mich an der Rezeption in die Schlange während der Mister vor der Tür ein Lungenbrötchen verdrückt.
Noch bevor ich dran bin, ist er zurück und raunt mir die vom Hotelpagen ergatterten Neuigkeiten ins Ohr: Das Hotel hat ein Restaurant im 38. Stock. Mit Blick auf Hafen und Lasershow, da solle ich doch gleich mal für den Abend einen Tisch reservieren. Ich freue mich, so bekomme ich von dem Spektakel doch noch etwas mit. Und nicht nur das – obwohl es noch nicht einmal ganz 13 Uhr ist, bekommen wir tatsächlich ein Zimmer. Ich habe kaum richtig zu Jammern begonnen, da schiebt der Rezeptionist mir schon die Schlüsselkarten über den Tresen. Die Tischreservierung für das Restaurant im 38. Stock erledigt er gleich mit. Wenn jetzt noch ein schöner Tisch mit Blick auf den Hafen frei wäre, daß wir auch einen guten Blick auf die Lasershow haben, merke ich vorsichtig an, während er mit dem Restaurant telefoniert. Nachdem er den Hörer aufgelegt hat, bedenkt er mich mit einem langen, nachsichtigen Blick und sagt: Madam, in unserem Hotel haben Sie von jedem Tisch und jedem Zimmer einen guten Blick auf den Hafen – darum heißt es ja Panorama.
Endlich im Zimmer erschließt sich sofort, was er gemeint hat. Zwei riesige deckenhohe verspiegelte Fensterfronten bieten direkten Ausblick auf die Avenue of Stars, den Hafen und Hong Kong Island. Direkt voraus erkenne ich sogar den winzigkleinen Bruce. Angesichts des Preises hätte ich all dies gar nicht erwartet, naja, den Spruch für meine Uninformiertheit habe ich ja auch weg.
Vier Stunden später klingelt der Wecker. Wir stülpen uns ordentliche Klamotten über, ich habe für auf der Reise noch zu erwartendende Gelegenheiten sogar ein halbwegs schickes Kleid dabei, dann sind wir für den Ausflug in den 38. Stock gerüstet. Das Essen ist nicht chinesisch, hatten wir auch nicht erwartet bei einem Restaurant, das „The Ava“ heißt. Die Speisekarte eher mediterran-französisch. Die Größe der Portionen ist, wie meistens in solchen Restaurants, der Höhe des Preises diametral entgegengesetzt, aber egal jetzt. Wir sitzen hier ganz wunderbar und bestellen spanische Schweinelendchen und Filetsteak. Während wir speisen, beginnen draußen vor den, äh, Panorama-Fenstern, die Wolkenkratzer zu leuchten und einander Lichtblitze zuzuwerfen. Es ist unspektakulärer, als ich gedacht habe, was auch daran liegen mag, daß man die musikalische Untermalung hier oben nicht hören kann. Daß der Blick durch feuchte Augen getrübt ist, liegt dann auch nicht etwa daran, daß uns die Rührung übermannt, sondern am zum Essen als besondere Empfehlung des Kellners gereichten Dijon-Senf. Die Nebenhöhlen sind jetzt jedenfalls frei.
Frühstück haben wir keines gebucht, dazu ist es in Hong Kong viel zu einfach, sich selbst günstig zu verpflegen. Am nächsten Morgen besorge ich Kaffee, leckersten Guavensaft und Sandwiches in einem Seven Eleven. Erst am frühen Nachmittag werden wir von Vigor abgeholt, bis dahin erkunden wir das Viertel. Die kleinen Seitengassen sind viel interessanter als die Shoppingcenter. Zwischen Bambusgerüsten und dick verknotetem Kabelsalat findet man die kleinen Händler, indische und afrikanische Garküchen, um die sich Menschen aus aller Herren Länder scharen, die Händler mit den billigen Elektroartikeln und gefälschten Rolexuhren, es ist herrlich. Für die heimische Reisebildergalerie erstehe ich bei einem netten älteren Chinesen zwei kleine Aquarelle der Skyline und einer Dschunke, wie sie hier auch tatsächlich noch herumfahren. Er fragt mich nach dem woher und wohin und als ich ihm erzähle, daß wir noch eine weite Reise vor uns haben, verpackt er mir die Bilder ganz besonders sorgfältig. Die Bilder sind sehr schön und nicht teuer, ich zahle ihm ein bißchen mehr, als er verlangt, für den guten Service.
Als wir um 15 Uhr in den Shuttlebus zum Flughafen steigen, ist das Wetter schön, die Sonne strahlt vom blauen Himmel, schon ein bißchen unfair, aber wir haben das Beste daraus gemacht. Sogar der Mann ist nun ganz angetan von der Stadt und während wir auf dem Weg hinaus aus die Stadt im Stau stehen, fotografiert er die Straßenszenerie.