Der Freitag kommt, wieder einmal sind die Koffer gepackt
und heute am späten Nachmittag geht es mit der Fähre nach Praslin, mit dem Flugzeug nach Mahé, weiter nach Paris und von da aus sollte es dann nach Hause gehen.
Aber bis dahin habe ich noch viel Zeit, und die will ich im Witwenreservat verbringen. In den vergangenen Tagen bin ich schon ein paarmal quer durchgeradelt, und habe zu meinem Schrecken gesehen, daß auch hier, naja, nennen wir es mal, gewisse Instandhaltungsarbeiten stattfinden.
Für den letzten Tag habe ich mir einen längeren Aufenthalt vorgenommen. Hier war ich immer gern, das Witwenreservat bietet nichts Spektakuläres, hier halten sich vor allem Einheimische auf, die ihre Mittagspause hier verbringen. Zuhause wartet der Herbst und vermutlich scheußliches Wetter und Kälte, da werde ich nochmal eine volle Dosis Tropenwald mitnehmen!
Wieder radele ich nach La Passe und kaufe Samosas, damit geht es zurück in die Veuve Réserve. Auf dem Weg dorthin begegnet er mir dann, der einzige Ochsenkarren der ganzen Woche.
Freuen kann ich mich nicht darüber. Ich befinde mich wohl noch im Loslassen-Lernprozess, es macht mich doch traurig.
Während ich auf einer Bank sitze, halte ich Ausschau nach den Witwerichen. Hier, in der eigentlichen Réserve, habe ich noch nie welche gesehen, vermutlich wird das jetzt sowieso nicht mehr gelingen, wo direkt auf der anderen Straßenseite der Betonmischer rattert. Aber ich habe ja viel Zeit, vielleicht hören die ja irgendwann mal auf da drüben.
Ich versuche so still wie möglich zu sein und ärgere mich, als ein Einheimischer auf dem Fahrrad zielsicher auf meine Bank zusteuert. Als er absteigt, erkennt man eine deutliche Gehbehinderung, es sieht auf den ersten Blick wie eine Halbseitenlähmung aus. Daß er das überhaupt geschafft hat, über diesen wurzeldurchzogenen Boden bis hierher zu radeln, bestimmt braucht er eine Pause. Er grüßt freundlich und packt einen Joghurt aus. Während er mit dem Becher herumknistert, denke ich, daß das so aber jetzt sicher nichts mehr wird mit den Paradiesschnäppern, aber was soll’s der Mann hat ältere Rechte hier als ich, wahrscheinlich ist das sein Stammplatz für die Mittagspause. Aber trotzdem, kann er nicht ein bißchen leiser sein!
Daß ich kaum etwas Idiotischeres hätte denken können, wird mir Momente später klar, als er mich anspricht und fragt, ob ich wegen der Vögel da sei. Als ich nicke, wedelt er mit dem Joghurtlöffel in die Richtung hinter meinem Rücken und fordert mich auf, mich mal umzudrehen, da säßen sie nämlich. Tatsächlich, zwei prächtige Paradiesschnäpper, direkt hinter mir, als würden sie sich über mich lustig machen. Was ich verdient hätte.
Bevor ich ein Foto machen kann, fliegen sie auf. Neben mir fliegt der Löffel in den Joghurt und der Mann springt von der Bank und ruft mir zu, ihm zu folgen. Trotz seines ataktischen Gangbilds flitzt er über den unebenen Waldboden, daß ich kaum hinterherkomme, ganz eindeutig kennt er hier jede Wurzel mit Vornamen. Ein paar Meter weiter zeigt er ins Laub, da sitzen sie jetzt, die Witwer. Ich mache ein Foto, auf dem man später zwar überhaupt nichts erkennen kann, aber ich freue mich wie verrückt, daß ich sie gesehen habe!
Er freut sich ganz offensichtlich, daß ich mich so freue, und als wir wieder auf der Bank sitzen, stellt er sich als Davidson vor. Er kennt die Réserve wie seine Westentasche, so wie überhaupt ganz La Digue und eigentlich alle Inseln. Er habe viele Jahre für die Naturschutzbehörde der Seychellen gearbeitet, aber das sei jetzt vorbei, nun sei er krank und könne nicht mehr arbeiten. Ob er einen Schlaganfall gehabt habe, frage ich ihn. Die Antwort macht mich ziemlich betroffen. Davidson ist erst 45 und hat Parkinson.
Nachdem wir uns eine Weile über seine Krankheit und die verschiedenen Behandlungsmethoden, denen er sich zum Teil im Ausland unterzogen hat, unterhalten haben, frage ich ihn, ob er schon medizinisches Cannabis ausprobiert hat. Davon hat er gehört, aber angewandt wird es auf den Seychellen nicht und damit rechnet er auch nicht. Ob ich wüßte, wie es mit den Drogen auf den Seychellen sei? Niemals werde die Regierung der Seychellen sich bei den bestehenden Problemen für eine Legalisierung von Marihuana entscheiden. Das ist nicht nur für Menschen in Davidsons Situation bedauerlich. Die Vergabe von Anbaulizenzen könnte auf den Seychellen, wo die Pflanzen ohne Kunstlicht und Treibhauswärme unter idealen Bedingungen gedeihen, eine echte Verdienstquelle und Alternative zum Tourismus darstellen. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.
Wie viele Menschen, die ein schweres Schicksal haben, ist Davidson ungeheuer positiv. Er lacht und strahlt und sprudelt über vor Geschichten, ganz eindeutig bezieht er seine Resilienz aus seiner Liebe zur Natur. Davidson hat in seinem Leben alles gemacht, vom Schildkrötenmonitoring an der Marron bis zum Beringen der Sooty Terns auf Bird, er hat mit Chris Feare gearbeitet und mit Victorin Laboudallon und Lindsay Chong-Seng im Vallée de Mai. Er kennt die Farne, die Schildkröten und ganz besonders die Paradiesschnäpper. Der Mann ist ein wandelndes Seychellen-Naturlexikon und wir sitzen lange auf der Bank und unterhalten uns.
Durch die Erkrankung behindert, kann er die körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten nicht mehr ausführen, aber für den Fall, daß die Pläne für eine touristische Nutzung des Witwenreservats in die Tat umgesetzt werden sollten, wird er sich auf einen der Rangerposten bewerben.
Ich frage ihn, ob die empfindlichen Bestände der seltenen Paradiesschnäpper denn durch eine Zunahme an Touristen und möglicherweise ganzen Gruppen, die lärmend durch die Réserve trampeln, nicht weiter gefährdet würden, aber da hat Davidson überhaupt keine Befürchtungen. Die Tiere hätten keinerlei Probleme mit Lärm oder Menschen, die Baugeräusche störten sie nicht. Und anders als man es überall lesen könne, sei der Lebensraum der Tiere auch nicht auf die Réserve und ihre nähere Umgebung begrenzt, Witwen gebe es fast überall auf La Digue. Auch an der Cocos gebe es Territorien. Aber, sagt Davidson, die meisten Menschen sähen die Vögel nicht, vor allem die Touristen hätten überhaupt keinen Blick dafür. Sie liefen wie Narren durch die Réserve, blind für alles, und hinterher sagten sie, es gebe keine Vögel mehr.
Dies ist nun bereits das zweite Mal, daß ich höre, daß die Meinung eines Einheimischen von der gängigen verbreiteten wissenschaftlichen Meinung abweicht. Ebenso, wie ein Einheimischer mir gegenüber vor ein paar Tagen den Aussagen der MCSS energisch widersprochen hat, es kämen keine Walhaie mehr zu den Seychellen, so höre ich hier zum ersten Mal, daß der Lebensraum der Paradiesschnäpper keineswegs auf die Réserve und ihre nähere Umgebung beschränkt ist. Solche Abweichungen zwischen Expertenmeinungen und denen der Praktiker kenne ich auch aus Deutschland. Während ich mir dort auf manchen Gebieten zutraue ausreichend informiert zu sein um eine Meinung haben zu dürfen, kann ich das hier nicht, tendiere aber dazu, hier den Locals, deren Aussagen sicherlich auf persönlichen Erfahrungen und nicht aus der Auswertung von Daten beruhen, zu glauben.
Daß die Vögel auf Denis keine stabile Population entwickeln konnten, obwohl es dort viel ruhiger ist als auf La Digue, führt Davidson auf die Mynahs zurück, diese stehlen Eier und Küken der Paradiesschnäpper. Diese Art sei die größte Gefahr, nicht Baulärm und Touristen, obschon er die derzeitige Entwicklung La Digues grundsätzlich sehr kritisch sieht. Er habe in seiner aktiven Zeit als Ranger selbst vereinzelte Touristen auf seinen Schildkröten-Touren an die Marron geführt, so ein, zwei Leute habe er mitgenommen. Was er da heute sehe, diese Gruppen von 20 Personen, die da hingeführt würden, das sei einfach nur Gier, so wie überhaupt die Gier seine Mitmenschen auf La Digue regiere. Jeder versuche, derzeit noch ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen. Es habe Versuche gegeben, bestimmte Bauprojekte zu verhindern, aber da fliesse viel Geld… Am Ende, so prophezeit er, würden die wirklich an den Seychellen Interessierten fortbleiben und dann würde das Tourism Board noch bereuen, was sie da angefangen hätten.
Daß es keine Witwen im Reservat gebe, werde ich nach dem heutigen Tag nie wieder behaupten, und auch meine früheren Befürchtungen bezüglich einer Ausweitung der touristischen Nutzung der Réserve hat Davidson mir nehmen können. Er zeigt mir Nester und die inzwischen wieder zahlreich vorhandenen Spinnennetze. Noch haben sie nicht wieder zu alter Form zurückgefunden, die großen, meterlangen Kolonien zwischen den Stromkabeln habe ich noch nicht wieder gesehen, aber hier zwischen den Büschen sind sie wieder häufig vertreten.
Die Witwen brauchen sie für den Nistbau, die kleinen wie ein kleiner Kegel geformten Nester werden mit Spinnwebfäden verstärkt. Dem Ruf der Vögel folgend, landen wir am anderen Ende der Réserve, hier fechten gerade vier Männchen Territorialstreitigkeiten aus. Um das einzige anwesende Weibchen kämpfen sie nicht, erklärt mir Davidson, die habe unter den vieren einen festen Partner und wechsele den nicht. Nach dem Tod eines Partners bleibe der andere allein zurück und suche keinen neue, daher der Name Veuve. Und eine Erklärung für den nur langsam wachsenden Bestand. Ein möglicherweise jung verwitweter Vogel, der danach nicht wieder mit einem neuen Partner für Nachkommenschaft sorgt ist ja eigentlich kein besonders kluger Schachzug der Natur.
Die Vögel sind ungeheuer schnell, nur selten bleiben sie länger auf einem Ast sitzen. Sie paaren sich auch im Flug, erklärt mir Davidson. Nachdem die alte Knipse schon gestern bei Torti alles gegeben hat, gelingen mir heute keine vorzeigbaren Fotos, aber doch zumindest solche, die als Erinnerung fürs Fotoalbum taugen.
Erkennt man den Vogel?
Jetzt, wo Davidson sie mir gezeigt hat, sehe ich sie plötzlich überall. Ich muß an vorhin denken, als er sich zu mir auf die Bank setzte und ich glaubte, er würde die Vögel vertreiben.

Falls er jemals eine Referenz für eine Bewerbung um den Rangerposten im Witwenreservat benötigt, ich wäre die erste, die sie ihm schriebe!
Und das ist Davidson Jacques, der Mann, dem ich einen so schönen letzten Tag auf La Digue zu verdanken habe:
Vielleicht habt Ihr auch das Glück, ihm in der Réserve zu begegnen. Dann grüßt ihn von mir. Wie schön, daß ich ihn kennenlernen durfte! Und während ich das schreibe, habe ich auch einen kleinen Kloß im Hals. Und das nicht nur, weil ich dank ihm ein paar Paradiesschnäpper gesehen habe.
So endet mein Aufenthalt auf La Digue doch noch mit schönen Erlebnissen, die mich ein bißchen mit den an Klein-Pattaya erinnernden Veränderungen versöhnt haben. Irgendwo zwischen all den Luxusappartments, Taxis, überhöhten Preisen und Massenwanderungen gibt es noch ein bißchen echtes La Digue, hoffentlich bleibt es noch lange erhalten!
Dann heißt es Abschiednehmen, die Fähre bringt mich nach Praslin. Abschied vom Port Side Café, das ein bißchen ranzig aussieht, aber immer so leckeres Essen hat:
